01.07.2026 / Quelle: Mittelhessen.de / Artikel auf Mittelhessen.de lesen
Als Wohnort ist Herborn beliebt. Doch wer auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung ist, stößt schnell an Grenzen. Aktuelle Zahlen der GBS sind alarmierend.

(Bild: © Tim Würz)
HERBORN Es sind zwei Seiten einer Medaille: Die steigende Nachfrage nach Wohnraum in Herborn zeigt einerseits, wie gefragt die Stadt als Lebensmittelpunkt ist. Offenbar sehen viele Menschen ihre Zukunft in der 21.000-Einwohner-Stadt. Andererseits wächst der Druck auf den ohnehin schon angespannten Wohnungsmarkt. Ein Problem wird derzeit besonders deutlich: Vor allem bezahlbare Wohnungen fehlen. Das unterstreichen Zahlen der Genossenschaft für Bau- und Siedlungswesen (GBS).
In Herborn führt die GBS 1500 Interessenten für Wohnungen
Die Nachfrage nach Wohnungen sei „unverändert hoch“, berichtete die GBS im Rahmen ihrer Mitgliederversammlung. Dieser Satz oder ähnliche Worte fallen schon seit mehreren Jahren. Doch die Herausforderung nimmt zu: 2024 war bereits von 900 Interessenten die Rede, 2025 waren es 1000. Die Zahl ist erneut gestiegen: „Zurzeit werden rund 1500 Interessenten geführt“, hält die Genossenschaft fest.
Allerdings müsse „aufgrund der niedrigen Fluktuation mit entsprechenden Wartezeiten gerechnet werden“. Gemeint sind damit bisherige Mieter, die ausziehen und damit Platz für neue machen. In Herborn sei die Fluktuationsrate im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken. Sie liegt bei 5,4 Prozent – und damit unter dem Bundesschnitt. Im Klartext heißt das: Nur ein Bruchteil derjenigen, die auf Wohnungssuche sind, kommt zum Zug. Denn neue Wohnungen der GBS gibt es erst einmal nicht.
Zuletzt lag der Fokus der Genossenschaft auf zwei Projekten: Im Walkmühlenweg 13 entstand Ende 2025 eine neue Tagespflege, Seit Anfang des laufenden Jahres sind außerdem neun Seniorenappartements fertig.
GBS hält 926 Wohnungen in 114 Häusern, vor allem in Herborn
Ansonsten stehen vor allem kleinere Arbeiten im Mittelpunkt: Mal werden Fassaden in der Willy-Brandt-Straße gestrichen, mal Außentreppen in der Konrad-Adenauer-Straße saniert. Dazu kommt die Modernisierung von elf Wohnungen. Außerdem ist der Einbau von zwei weiteren Wärmepumpen geplant. Kurzum: Es geht um den aktuellen Bestand.
Insgesamt verfügt die GBS in Herborn über 926 Wohnungen in 114 Häusern. Der eindeutige Schwerpunkt liegt auf der Kernstadt, zwei Häuser stehen in Burg und ein Gebäude in Hörbach.
„Tiefgreifender Transformationsprozess“ der Wohnbaubranche
Schon im vergangenen Jahr hatte Nadine Voßen vom GBS-Vorstand der Redaktion gesagt: „Bauen muss wieder bezahlbarer werden.“ Sie sprach von 30 Prozent mehr Kosten, aber auch von „immer mehr staatlichen Vorschriften und verschärften Regularien“ sowie „langwierigen Genehmigungsprozessen“. Alles Faktoren, die neuen Wohnungen im Weg stehen.

Auf jede Wohnung kommt es an: Herborn braucht in den kommenden Jahren dringend neuen Wohnraum. (Bild: © Tim Würz)
Die Wohnungswirtschaft befinde sich aktuell in einem „tiefgreifenden Transformationsprozess“, berichtete der Vorstand der Genossenschaft in der Mitgliederversammlung. Die größten Herausforderungen seien „Klimaschutz im Bestand, wirtschaftliche Tragfähigkeit, politische Regulierung und soziale Bezahlbarkeit“.
Bundesweit so wenige neue Wohnungen wie seit 2012 nicht mehr
Daraus leiten sich laut der GBS drei Ziele ab: Die Branche versuche gleichzeitig, Wohnungen bezahlbar zu halten, klimaneutral zu werden und wirtschaftlich überlebensfähig zu bleiben. „Gerade dieser Dreiklang sorgt momentan für die größten Spannungen innerhalb der Wohnungswirtschaft“, hieß es.

Blick von oben: In Herborn und seinen Stadtteilen leben etwa 21.000 Menschen. (Bild: © Tim Würz)
Der Trend zeigt sich bundesweit: In Deutschland wurden 2025 erneut weniger Wohnungen als im Vorjahr gebaut. Insgesamt waren es laut dem Statistischen Bundesamt 206.000 Wohnungen – ein Minus von 18 Prozent und so wenige wie seit 13 Jahren nicht mehr.
Neubau von Wohnungen dauert inzwischen deutlich länger
Bereits 2024 war die Zahl der fertigen Wohnungen um 14,4 Prozent zurückgegangen. Zum Vergleich: Nach einem Tiefstand von 159.000 neuen Wohnungen (2009) gab es 2020 einen Höchststand von 306.400 – und damit etwa 100.000 Wohnungen mehr als im letzten Jahr. Was ebenfalls auffällt: Der Neubau von Wohnungen dauert inzwischen deutlich länger. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren es 2020 noch durchschnittlich 20 Monate, aber 2025 bereits sieben Monate mehr.
Als „zu wenig“ bezeichnete Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) die Zahl der neuen Wohnungen im Mai. Kurz darauf brachte die Bundesregierung einen Gesetzesentwurf auf den Weg, den sie „Baugesetz-Upgrade“ nennt. Unter anderem sollen Planungen und Genehmigungen beschleunigt und digitalisiert werden. Das Thema wird in den Ausschüssen des Bundestages diskutiert.

Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) bezeichnet die Zahl der neuen Wohnungen in Deutschland als „zu wenig“. Helfen soll unter anderem ein „Baugesetz-Upgrade“.
(Bild: © Michael Kappeler/dpa)
In Herborn gibt es derweil viel zu tun. „Alle Investitionen werden sorgfältig abgewogen und sind nur mit verträglichen Mietanpassungen realisierbar“, hält die GBS fest. Auch der Weg in die Klimaneutralität solle Schritt für Schritt weitergehen. Nach internen Schätzungen müsse man einen zweistelligen Millionenbetrag aufbringen, um sie bis 2050 zu erreichen. Für Modernisierungen und Instandhaltungen musste die GBS 2025 rund 5,5 Millionen Euro einplanen. Der Umbau des Pflegeheims zur Tagespflege kostete 4,3 Millionen Euro.
K&S Wohnbau und Weimer-Gruppe planen in Herborn Wohnungen
Verändert haben sich auch die Mieten der Baugenossenschaft: Im Durchschnitt stiegen sie seit 2020 von 5,53 Euro auf 6,30 Euro (2025) pro Quadratmeter. Allerdings liegt das weiterhin unter dem Wert für Genossenschaften in den alten Bundesländern. Die Betriebskosten hätten sich, so die GBS, auf dem gleichen Niveau bewegt. Es bleibe aber abzuwarten, wie sich der Nahost-Konflikt künftig darauf auswirke.
Nicht zu erwarten ist aktuell der Bau neuer GBS-Wohnungen. Das gilt auch für das Hinterthal: Dort sollten auf dem früheren „Bedea“-Grundstück 80 Wohnungen entstehen. Die Pläne ruhen aber schon seit Jahren. Direkt um die Ecke wird es konkreter: Bis Ende 2027 will die K&S Wohnbau GmbH in der Gießereistraße 20 Wohnungen schaffen. 200 Wohneinheiten plant die Weimer-Gruppe auf dem ehemaligen Rewe- und Toom-Gelände.


