12.05.2018 / Quelle: Herborner Tageblatt / Dirk Wingender

Gesucht: Bezahlbare Wohnungen

Verband fordert andere Förderung: Konzept statt Preis soll entscheiden

Wetzlar im Bauboom: Die Stadt wächst, die Nachfrage nach Baugrundstücken ist ungebrochen. Andererseits fehlen bezahlbare Mietwohnungen in großer Zahl. Eine Schere tut sich auf, und das gilt nicht nur für Wetzlar.

Kommunale Unternehmen und Baugenossenschaften fordern bessere Bedingungen, um der enormen Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum nachzukommen. (Foto: Gerdau)

37 000 neue Wohnungen müssten jedes Jahr in Hessen neu entstehen, um dem tatsächlichen Bedarf gerecht zu werden. Tatsächlich sind es nur etwas mehr als die Hälfte, sagt Axel Tausendpfund, Vorstand des Verbands der Südwestdeutschen Wohnungswirtschaft (VdW). Er vertritt die Interessen vieler kommunaler Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften, darunter auch die WWG aus Wetzlar und die Gießener Wohnbau.

Der Mangel betrifft längst nicht nur Sozialwohnungen, sondern bezahlbare Wohnungen insgesamt. Auch ein Polizist oder eine Grundschullehrerin könnten von der Wohnungsnot betroffen sein, sagt Tausendpfund. Und es gehe längst nicht nur um Ballungsgebiete. „In der öffentlichen Diskussion wird meist vergessen, was sich nördlich des Rhein-Main-Gebiets abspielt“, sagt Reinhard Thies, Geschäftsführer der Wohnbau Gießen. Die Wohnbau hat in der mehr als 86 000 Einwohner zählenden Unistadt etwa 7100 Wohnungen, rund 1500 Haushalte stünden auf der Warteliste. Im viel kleineren Herborn mit gut 20 000 Einwohnern ist die Nachfrage noch größer: Dort besitzt die Gemeinnützige Bau- und Siedlungsgenossenschaft 1000 Wohnungen, 700 Haushalte befänden sich auf der Warteliste, wie Geschäftsführer Mark-Thomas Kling berichtet. Häufig wollten ältere Menschen aus dem Umland in die Innenstadt ziehen, eine Rolle spiele dabei die fehlende Infrastruktur in ländlichen Gemeinden, beispielsweise ein Mangel an Arztpraxen. WWG-Geschäftsführer Harald Seipp verweist darauf, dass vor allem Wohnungen für Familien nötig sind. Viele ältere Wohnungen im Bestand der WWG seien für heutige Anforderungen zu klein.

Der VdW und seine Mitglieder haben jetzt in Wetzlar ihre Forderungen formuliert und in einer Talkrunde mit Vertretern aus der Politik nach Wiesbaden weitergegeben – schließlich ist im Herbst Landtagswahl. Vor allem in Mittelhessen fehle Bauland für den Wohnungsbau, sagt Tausendpfund. Problem: Grundstücke würden meist an den Höchstbieter verkauft. Geht es ums Schaffen von bezahlbarem Wohnraum, könne man schwerlich mitbieten. Zumal immer neue Auflagen in Sachen Brandschutz und Barrierefreiheit zusätzlich die Vorhaben verteuerten. Forderung des VdW: Eine Entschlackung der Bauordnung.

Wohnbau-Chef Thies aus Gießen sagt: Kreise und Kommunen müssten gemeinsam Konzepte entwickeln

Und: Ausschlaggebend für die Vergabe von Flächen solle das Konzept für die Nutzung sein. WWG-Chef Seipp kritisiert: Für viele Vorhaben seien die Unternehmen auf eine öffentliche Förderung angewiesen. Die Höhe der Zuschüsse bemesse sich aber am Bodenpreis. Sprich: Je teurer verkauft wird, desto höher ist die Förderung. „Die Politik macht es sich da zu einfach“, sagt Seipp. Besser wäre stattdessen, die Förderung würde an den tatsächlichen Kosten des Bauprojekts bemessen.

Sein Gießener Kollege Reinhard Thies wünscht sich, dass Kommunen und Kreise verstärkt zusammenarbeiten, um gemeinsam das Thema Wohnraum anzugehen. Er beobachtet, dass in vielen Umlandgemeinden zwar Baugebiete entstehen, die Nachfrage nach bezahlbaren Mietwohnungen sich aber immer mehr auf Gießen bezieht. Eine Rolle spielen dabei nicht nur Studenten, die ohnehin bedeutend für den Wohnungsmarkt der Stadt sind, sondern auch Bezieher von Sozialleistungen, die eher in die Stadt als ins Umland gehen. Hinzu kommen Asylbewerber, die nach dem Verlassen von Gemeinschaftsunterkünften ebenfalls Wohnungen suchen. Diese Entwicklung habe auch eine soziale Brisanz, sagt Thies. Die Wohnbau sei dabei für die Entwicklung ganzer Quartiere von Bedeutung. „Wir leisten hier etwas für den sozialen Kitt in der Gesellschaft.“ Erster Schritt: Der Kreis Gießen habe das Thema aufgenommen worden und ein Wohnraumkonzept entwickelt. Axel Tausendpfund wünscht sich „vernetztes Denken in größeren Regionen“.

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